Schüler des Gymnasiums Petrinum erforschten die Geschichte der Stadt Brilon: „Brot, Glaube und Wärme waren nach dem Krieg wichtiger als Politik“

Brilon-Totallokal: Am 2. und 3. März trafen sich Schülerinnen und Schüler des Gymnasiums Petrinum Brilon im Museum Haus Hövener, um der Geschichte der Stadt vor 100 Jahren auf den Grund zu gehen.

brilon-totallokal: Bildungspartnerschaft des Gymnasiums Petrinum Brilon erforschte die Geschichte. Schon seit einiger Zeit besteht die Bildungspartnerschaft zwischen dem Gymnasium, dem Museum Haus Hövener und dem Stadtarchiv Brilon Haus Goldberg. Vor 2 Jahren verkündeten die Verantwortlichen der Schule und der Kulturinstitutionen, in Zukunft eng zusammenzuarbeiten. Ziel war es, Schülerinnen und Schülern die Möglichkeit zu bieten, durch außergewöhnliche Projekte die Kultur und Geschichte der Region kennenzulernen. Neben der Facharbeitenbetreuung, Führungen und kleineren Seminaren fand nun auch eine außergewöhnliche Forschungstagung statt. Rund 20 angehende Abiturienten beschäftigten sich intensiv mit der Stadtentwicklung vor 100 Jahren. Damals endete die Urkatastrophe Erster Weltkrieg und es entstand die Weimarer Republik als erste deutsche Demokratie. Schon seit Jahren ist diese wichtige Epoche Teil der offiziellen Lehrpläne. Im regulären Unterricht erfahren die Schüler, welche Entwicklungen in den damaligen Epizentren der Politik zur Demokratie führten. Versailler Vertrag, die Wahlen zur Nationalversammlung und auch die politischen Parteien der Zeit sind Begriffe, die die Gymnasiasten folgerichtig kennen.

Doch was ist mit Brilon? Welche Umbrüche spielten sich im Sauerland ab? Und wie reagierten die eigenen Vorfahren auf die Kriegsniederlage 1918 und die Weimarer Republik? Diese und andere Fragen bleiben im Regelfall offen. Sie sind nicht Teil der prüfungsrelevanten Inhalte. Und auch in den Schulbüchern findet niemand den Namen der Stadt Brilon.

Dabei sind es gerade die historischen Entwicklungen in Brilon, die die Schülerinnen und Schüler interessierten. Denn ihre Umgebung, ihre Stadt kennen die Jugendlichen nur all zu gut. Da ist es nicht überraschend, dass das Interesse groß war, als ein Forschungsworkshop zu genau diesen Fragen angeboten wurde. Mithilfe von zeitgenössischen Quellen, wie etwa Zeitungsartikeln und Wahlaufrufen aus dem Stadtarchiv und dem Museum Haus Hövener, versuchte die Forschungsgruppe die Fragen zu beantworten, wie demokratisch die Briloner vor 100 Jahren waren und wie es möglich war, dass die Demokratie 1933 fallen konnte.

„Brot, Glaube und Wärme waren nach dem Krieg wichtiger als Politik“

Schnell stellte sich beim Sichten der Quellen heraus, dass die Ausgangslage für die Republik kurz nach dem Krieg eine durchaus schwierige war. Für die Bevölkerung war die grundlegende Versorgung wichtiger als Dinge wie Demokratie oder Wahlbeteiligung. „Die Menschen verlangten nach Brot, Glaube und Wärme. Nach Dingen, die sie brauchten und die ihnen Halt gaben.“, resümiert ein Schüler. Diese Bedürfnisse erkannte auch die Stadtregierung. Sie unterstützte daher einen Arbeiter- und Soldatenrat, der es sich zunächst zur Aufgabe machte, in Brilon die Ordnung aufrecht zu halten.   

Doch nur wenige Tage später erkannten Bürgermeister und Rat der Stadt, dass der Zusammenschluss von Arbeitern und Soldaten eine kommunistische Ideologie verinnerlicht hatte. Der roten Fahne, die 1918 aus dem linken Fenster des Rathauses gehisst wurde, begegneten die Presse und viele Bürger mit Argwohn. Man fürchtete Verhältnisse wie in Russland, in dem die kommunistische Revolution hunderte von Toten gefordert hatte.

Dennoch gab bei den Wahlen zur Nationalversammlung im Januar 1919 eine bemerkenswert starke kommunistische Partei im Wahlkreis Brilon. Deren Wähler waren immerhin durch die recht großen Wirtschaftsbetriebe mit ihren Arbeitern gut vertreten. Allerdings war die stärkste Partei das Zentrum, eine Partei der christlichen Mitte, die den Glauben als Fundament für ihre Politik definierte. Dagegen waren rechte Parteien zu Beginn der Weimarer Republik in Brilon nur – wenn überhaupt – eine Randerscheinung. Von einer großen völkischen Bewegung kann daher nicht gesprochen werden.

Wirtschaftliche Not kann in die Radikalität führen

Sechs Jahre später im Jahr 1924 sah die Parteienlandschaft in Brilon weitaus diverser aus. Die DNVP als eine monarchistisch-völkische Partei erzielte bemerkenswerte Ergebnisse. Aber auch die KPD war als links-radikaler Rand immer noch durch Briloner vertreten. Zwar konnte das Zentrum seine starke Position behaupten, doch schienen nach sechs Jahren Demokratie immer mehr Menschen das Vertrauen in die Parteien zu verlieren, die für die Republik eintraten. „Ich denke, dass die wirtschaftliche Not einige Briloner dazu veranlasste, den Versprechungen der radikalen Parteien bedenkenlos zu glauben.“, ist eine Vermutung einer Schülerin. Und tatsächlich war die gefühlte Lage der Republik 1924 in den Augen großer Teile der Bevölkerung kritisch. Beispielsweise waren die Menschen einer nie gekannten Inflation ausgesetzt. Notgeld wurde gedruckt, die Währung verlor immer mehr an Wert und die grundlegendsten Dinge wie etwa Nahrungsmittel konnten nur mit Schubkarren voller Geld erstanden werden. Reichsweit verloren die verfassungs- und demokratiefreundlichen Parteien der SPD und des Zentrums an Zuspruch. Die deutschnationale Partei konnte dagegen auf einen Stimmengewinn blicken. Auch in Brilon war sie im Gegensatz zu 1919 mit immerhin 8% Stimmanteil genauso stark wie die KPD. Wichtig bei dieser Entwicklung ist die politische Kultur. Die Demokratie wurde als von außen aufgezwungen und der Versailler Vertrag als Diktatfrieden empfunden. Folglich verloren die Parteien, die für eine Verständigung mit den Alliierten standen, an Boden.

Dennoch stellte sich heraus, dass der Katholizismus in Brilon derart stark verwurzelt war, dass das etablierte Zentrum mit 74% der Stimmen stärkste Kraft blieb. Bemerkenswert ist dies im Vergleich zum Reichsdurchschnitt. Dort erhielt die christliche Mitte nicht einmal 20% an Wählerzustimmung.

Der Fall der Demokratie 1933

Auch im März 1933 bei der letzten „freien“ Wahl war das Zentrum in Brilon dominierend.

Allerdings sorgte ein Ereignis, das republikweit für Aufsehen sorgte, für einen Umschwung. Am 28. Februar 1933 brannte der Reichstag. Die NSDAP instrumentalisierte diesen Vorfall, beschuldigte den Kommunisten van der Lubbe und schürte so weiter die Angst vor einer kommunistischen Revolution. Da für das Zentrum der Bolschewismus schon seit jeher der ärgste Feind des Katholizismus war, schien eine Annäherung an den rechten Rand aufgrund dieser geglaubten Bedrohung nicht mehr unmöglich.

Es war also ein schleichender Prozess, der von der Republik in die Diktatur führte. Regional ergeben sich große Unterschiede. Anders als im gesamten Reichsdurchschnitt war der katholische Glaube ein wichtiger Faktor in Brilon. 1933 hatte das Zentrum noch mehr als doppelt so viele Stimmen wie die NSDAP. „Ich denke, viele Briloner nahmen die NSDAP anfangs nicht ernst.“, schlussfolgert ein Schüler. Als dann das Dritte Reich traurige Realität wurde, stellte sich die Lage in Brilon wie auch an anderen Orten dar. Einerseits gab es aktiven Widerstand, wie etwa in Person von Josef Rüther. Andererseits konnte sich die Stadt jedoch nicht der reichsweiten Entwicklung entziehen. Generell kann kein pauschales Urteil gefällt werden, wie in Brilon auf den Aufstieg der NSDAP reagiert wurde. Den Schülern wurde bewusst, dass die Geschichte ein differenziertes Urteil erfordert.

Politisches Bewusstsein durch die Bildungspartnerschaft

Für die angehenden Abiturienten stellte die Forschungstagung eine einmalige Gelegenheit dar, die Geschichte Brilons selbst aktiv zu entdecken. Am Ende gelang es, wichtige Antworten zu bekommen und den Blick in die Gegenwart und Zukunft zu richten. Neue Fragen wurden gestellt und gesammelt. Kann es auch heute zu Entwicklungen wie in der Vergangenheit kommen? Ist die Demokratie heute in Gefahr? Und was unterscheidet uns eigentlich von den Menschen der damaligen Zeit?

Das Resümee der Tagung war, dass mit diesem Projekt das Stellen von Fragen an die Geschichte nicht abgeschlossen sein kann. Vor allem die Jugendlichen treibt es an, zu erfahren, wie sich Brilon nach 1933 veränderte. Es bleibt für die Bildungspartnerschaft also noch viel zu tun. Weitere Workshops und Seminare sind möglich und werden sicherlich dazu führen, das politische Bewusstsein der Schülerinnen und Schüler des Gymnasiums Petrinum zu schärfen. Die Ergebnisse der Forschungstagung werden während der nächsten Sonderausstellung im Museum Haus Hövener der Öffentlichkeit präsentiert.

Quelle: Carsten Schlömer /  Museum Haus Hövener

 

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